Scheidung

Den Begriff „Scheidung“ assoziiert man unwillkürlich mit den klassischen Bildern einer gescheiterten Beziehung. Man hat das Motiv zweier Menschen vor sich, die im Lauf ihrer Beziehung die Verbindung zueinander nicht haben erhalten können. Streitigkeiten und Anschuldigungen, Traurigkeit und Verzweiflung kommen ebenso vor in dem Bild einer gescheiterten Ehe wie der Ausblick auf eine neue, noch unklare Zukunft. In vielen Fällen, in denen die Scheidung das Ende einer Ehe rechtskräftig erwirkt, wurden einer oder beide der Ehepartner betrogen und belogen. Kränkungen und emotionales Leid bestimmen über einen langen Zeitraum den Lebensalltag der Betroffenen. Das Leben als Teil einer kaputten Beziehung erscheint als Martyrium, das man wegen seiner scheinbaren Normalität kaum nachhaltig mit Menschen außerhalb des eigenen Erlebens teilen kann.

An einem bestimmten Punkt, der sich je nach Leidensfähigkeit der Betroffenen schneller oder erst nach vielen schlimmen Jahren einstellt, fällt die Entscheidung, sich endgültig zu trennen. In vielen Fällen gehen der letztlich wirksamen und endgültigen Trennung, der tatsächlich die Scheidung folgt, viele kleinere Trennungsversuche voraus. Nicht immer vollziehen diese sich offen und sichtbar. Die äußere Trennung von einem Lebenspartner funktioniert wohl erst dann, wenn die innere Trennung, die emotionale Entkoppelung von der einst vertrauten Person, bereits wenigstens ansatzweise vollzogen ist.

Die Scheidung, die unter eine solche Partnersituation schließlich und endlich einen Schlussstrich ziehen soll, wirkt nach solch belastenden Zeiten scheinbar wie eine Erlösung. Sie soll endlich aufhören lassen, was verletzt, kränkt und einem die Energie raubt, die für den Alltag und das Schöne im Leben viel besser investiert wäre. Die Anwälte sollen sich darum kümmern, dass all das endlich vorbei ist. Man stellt sich vor, wie die Scheidung einen Schnitt macht zwischen dem Alten und dem Neuen. Man sehnt sich nach dem Trennungsstrich, der die Zeit voller Streit und innerer Einsamkeit von dem Neuen abtrennt. Die Zukunft liegt unbelastet vor einem, Vorfreude und Neugier bestimmen die Wünsche für den neuen Lebensabschnitt.

Diese Betrachtungen sind selbstverständlich nachvollziehbar. Aber sie verändern sich deutlich, wenn man nicht mehr von Außen auf die vielen Paare blickt, die eine Scheidung erleben mussten oder sich gerade mitten darin befinden. Häufig stehen die formalen Abläufe der Scheidung gerade dann ins Haus, wenn man sowieso am Ende seiner Kräfte ist. Man ist ausgezehrt von der Lebensgemeinschaft mit einer Person, die einen geschwächt hat, statt zu stärken. Paradoxerweise gilt das häufig für beide Seiten.

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